Norbert Dobisch, 1950-2006
Er inspirierte, lehrte und provozierte. Er liebte das Handwerk und die Musik, war ständig auf der Suche nach Verbesserungen und neuen Entdeckungen.

 

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Lyra, Chrotta und Spandauer Pflöte bleiben

ein Nachruf von Ralf Salecker, Januar 2007

Ein echtes Spandauer Original weilt nicht mehr unter uns. Am 14. Dezember 2006 verstarb der 1950 in Berlin geborene Norbert Dobisch nach schwerer Krankheit. Viele Freunde, Kollegen und Bekannte nahmen Abschied von ihm, als er am 28. Dezember auf dem Luisenkirchhof in Charlottenburg beigesetzt wurde.
Schon während seiner Tischlerlehre auf der Zitadelle und dem anschließenden Musikstudium an der HdK-Berlin beschäftigte er sich intensiv mit Musik und Musikinstrumenten. Seit rund 30 Jahren erfüllte ihn besonders eine Leidenschaft: Instrumente zu bauen, die seinen persönlichen Vorstellungen entsprachen. Dabei blieb es natürlich nicht. Er spielte diese auch mit viel Freude und begeisterte neugierige Besucher, wenn sie Norbert Dobisch bei seinen unzähligen „Treppenhauskonzerten“ in seiner Werkstatt auf der Zitadelle lauschten. Schwerpunkt seiner Arbeit war die Realisation musikalisch-handwerklicher Konzepte, die für die pädagogische und therapeutische Praxis geeignet sind.

Seine Forschungen führten ihn auf die Spuren von Musikinstrumenten wie Lyra und Chrotta, die zum Teil schon mehr als 1500 Jahre nicht mehr genutzt wurden, ja sogar vergessen oder verdrängt waren. Er vereinte alte Konzepte mit neuen Erkenntnissen und bewies immer wieder, dass unsere Altvorderen nicht so unwissend waren, wie es ihnen im Allgemeinen und auch von der Forschung gerne unterstellt wird. Das Buch „Die Lyra, ein vergessenes Wunder“ zeugt davon.
1979 eröffnete er in Charlottenburg „Dobsches` Musikspiele“ in der er Instrumentenbaukurse anbot und Instrumente für den Musikunterricht, häusliches Musizieren und den therapeuthischen Einsatz baute.
1992 holte ihn der damalige Kunstamtsleiter Steinmöller auf die Zitadelle Spandau. Dort gründete Norbert die Werkstatt Klangholz, in der er seine ureigenen Instrumente sowie Rekonstruktionen und Abwandlungen historischer Instrumente baute. Im Gegensatz zu anderen Instrumentenbauern, die gerne ein Geheimnis aus dem Bau machen, ermöglichte er es interessierten Laien ein eigenes Musikinstrument nach ihren Entwürfen zu bauen. Viele, viele Menschen haben seitdem in unzähligen Kursen und Workshops, die er nicht nur in Spandau, sondern in ganz Deutschland durchführte, ihr Wunschinstrument bauen können. Ganz besonders Kindern wollte er den entspannten Zugang zur Musik ermöglichen. So war die Zusammenarbeit mit Lehrern und Schulen für ihn ganz selbstverständlich.

Auch musikalisch ging er ungewohnte Wege. Ein wichtiges Anliegen war ihm die Belebung deutscher Volksmusik. Nicht im Sinne volkstümelnder, sondern ganz ursprünglicher Bedeutung. Gefühl und Dramatik sollten wieder Einzug halten, dort wo sonst die Musik im Zuge allgemeiner Gleichmacherei entweder zur Schunkelei ab zwei Promille oder zum Instrument rechter Gesinnung mutierte. Ausdruck dieser neuen alten Sicht der Volksmusik war die Gründung der Musikgruppe „Kitharis“, die wegen ihres erfrischenden Umgangs mit altbekannten und doch so neu zu entdeckenden Liedern viele begeisterte Zuhörer fand. So wie Klang ein aus vielen Einzeltönen bestehendes Ganzes ist, so wird der aus seiner Arbeit hervorgegangene „Klang-Holz e.V.“, durch das Zusammenwirken von Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Voraussetzungen, seine Arbeit in seinem Sinne fortführen. Baukurse, Musizierkreise und Kindergruppen werden fortgeführt, auch wenn Norbert eine nicht zu schließende Lücke hinterlässt. Mit seiner letzten Initiative „MIBS-Musik&Instrumente bauen und spielen“, hat er das Fundament gelegt für die weitere Arbeit des Klang-Holz e.V..

Norbert Dobisch selbst reiht sich nun in die Reihe namhafter Vorgänger, wie Odysseus, Orpheus, Apollon, Nero, David und nicht zuletzt Troubadix ein: Er spielt nun ganz woanders auf der Lyra, Kithara, Kinnor, Barbyton, Phorminx, Rotta...